Das Wiener Kaffeehaus – zwischen Mythos und Tradition

KaffeetasseKaffeehäuser haben in der österreichischen Hauptstadt eine lange Tradition und sind der Inbegriff hoher Kaffeekultur. Die Geschichte des Wiener Kaffeehauses führt zurück in das 17. Jahrhundert. Zweimal standen die Türken vor den Toren Wiens, zweimal ohne Erfolg. Was sie allerdings nach ihrer Belagerung im Jahr 1683 hinterließen, das schmeckte auch den Wienern: über 300 Säcke voll mit ungerösteten Kaffeebohnen. Noch im selben Jahr öffnete das erste Wiener Kaffeehaus seine Pforten.

Mit seinen runden Marmortischen und dem obligatorischen Zeitungstisch waren sie einst Treffpunkt der Intellektuellen, Künstler und Literaten. Da diese nicht selten in eher einfachen Verhältnissen lebten, verbrachten sie bevorzugt ihre Tage im trockenen und warmen Kaffeehaus. Aber dies war nicht der einzige Grund. „Ins Kaffeehaus gehen Leute, die allein sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen.“ schrieb einst der österreichische Schriftsteller Alfred Polgar. Kaffeehausliteraten suchten Geselligkeit und Gleichgesinnte und genossen darüber hinaus die immer kostenlosen Tageszeitungen. Und es soll sogar Professoren gegeben haben, die ihre Doktoranden zur Prüfung ins Kaffeehaus bestellten.

Heute gibt es in den 23 Wiener Bezirken an die 500 Kaffeehäuser und z.T. sind sie zu richtigen Restaurants umfunktioniert worden. Es wird stets eine Vielzahl an warmen Gerichten angeboten – vom Tafelspitz, der Gulaschsuppe bis hin zum einfachen Würstel oder Frankfurter.
Zu den bekanntesten Kaffeehäusern in Wien zählt das Café Sacher mit seiner weltberühmten Schokoladentorte. Traditionsreich sind außerdem das Café Sperl, das Café Hawelka, das Café Prückel, das Café Landtmann, das Café Westend oder das Café Central. In manchen steht noch ein Billardtisch oder es wird abends live Klaviermusik gespielt.

Nichts wird soviel getrunken in Wiener Kaffeehäusern als ein Kleiner oder Großer Brauner und die klassische Melange. Serviert wird dieser köstliche, milde Milchkaffee mit Schaumkrone immer mit einem kleinen kostenlosen Glas feinstem Wiener Hochquellenleitungswasser.
Wer in Wien schlicht eine „Tasse Kaffee“ bestellt, gibt sich augenblicklich als Tourist zu erkennen. In Wien serviert man Kaffee immerhin in mehr als 40 unterschiedlichen Variationen und so facettenreich wie die Verfeinerungen, so wohlklingend auch die Namen. Was ein Kapuziner, Konsul oder Franziskaner ist, das wissen aber oft nicht mal die Einheimischen so ganz genau.

Übersicht der gängigsten Wiener Kaffeevariationen:

Einspänner: Ein kleiner schwarzer Kaffee (Mokka) im Glas serviert mit einer „Schlagobershaube“ (Sahne) und Staubzucker
Großer Braune: Eine große Tasse schwarzer Kaffee mit einem Schuss Milch oder Obers (Sahne)
Großer Schwarze: Eine große Tasse schwarzer Kaffee
Kapuziner: Eine kleine Tasse schwarzer Kaffee mit einem Tropfen Schlagobers (braun wie die Kutte eines Kapuziners)
Kleiner Schwarzer: Eine Tasse schwarzer Kaffee (siehe Mokka)
Kleiner Braune: Kleine Tasse schwarzer Kaffee mit einem Schuss Milch oder Obers
Kurzer: Ein besonders starker kleiner schwarzer Kaffee
Melange: Schwarzer Kaffee und aufgeschäumte Milch zu gleichen Teilen
Mokka: Ein starker Espresso (7-8 g pro Tasse), auch „Schwarzer“ genannt, in kleinen oder großen Tassen serviert sowie mit oder ohne Schlagobers
Verlängerter: Ein mit heißem Wasser zum „Großen“ gestreckten „Kleiner Schwarzer“
Verkehrter (oder auch Kaffee verkehrt): Mehr Milch als Kaffee; ein kleiner schwarzer Kaffee mit viel aufgeschäumter heißer Milch, meist im Teeglas serviert

Darüber hinaus gibt es noch ausgefallenere Varianten wie:

Biedermeier Kaffee: Ein großer schwarzer Kaffee mit Marillenlikör und Schlagobers
Fiaker: Ein schwarzer Kaffee traditionell im Glas serviert; gelegentlich mit Rum oder Kirschwasser und mit Schlagobershaube
Franziskaner: Eine Melange mit Schlagobers
Kaisermelange: Großer schwarzer Kaffee mit Eigelb, Honig und Cognac oder Weinbrand vermischt
Konsul: Ein großer schwarzer Kaffee mit einem Spritzer frischen Obers
Maria Theresia: Ein Verlängerter mit einem Schuss Orangenlikör, meist mit Schlagobers im Glas serviert
Mariloman: Ein heißer schwarzer Kaffee mit Cognac und gelegentlich Zucker
Mazagran: Großer kalter schwarzer Kaffee mit Eiswürfel, Zucker und Maraschino
Obermayer: Ein großer, süßer schwarzer Kaffee bei dem über den Kaffeelöffelrücken kaltes Schlagobers langsam auf die Oberfläche des Kaffees gegossen wird (benannt nach einem Wiener Philharmoniker)
Pharisäer: Rum und Zucker im Glas verrührt, mit heißen schwarzen Kaffee aufgegossen und einer Obershaube verziert
Piccolo: Ein kleiner schwarzer Kaffee mit Schlagobers
Schale Gold: Ein kleiner oder großer schwarzer Kaffee mit Schlagobers, heller als ein Brauner
Türkischer Kaffee: Schwarzer Kaffee gezuckert und kochend heiß mit Satz im Kupferkännchen serviert
Wiener Eiskaffee: Kalter schwarzer Kaffee mit Vanilleeis und Schlagobers

Eine Liste, die sich noch beliebig fortsetzen lässt. Zum Abschluss vielleicht noch ein Tipp: In Wien wird der Kellner als „Herr Ober“ angesprochen und die Betonung beim Wort „Kaffee“ liegt auf der zweiten Silbe. Aber einen bloßen „Kaffee“ sollten Sie in Wien ja ohnehin nicht bestellen…

Fotoquelle: pixelio.de
Fotograf: tanita_lied

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